Einleitung
Als Untertageverlagerungen, häufig abgekürzt als U-Verlagerungen, bezeichnet man die Verlegung kriegswichtiger deutscher Produktionsstätten in Bergwerke, Stollen, Höhlen, Tunnel und eigens errichtete Bunkeranlagen. Ihr Schwerpunkt lag in den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkriegs, insbesondere zwischen 1943 und 1945.
Der unmittelbare Zweck bestand darin, die deutsche Rüstungsproduktion vor den immer wirkungsvolleren Luftangriffen der Alliierten zu schützen. Unter der Erde sollten Flugzeuge, Raketen, Motoren, Treibstoffe, Kugellager, Nachrichtengeräte und andere Rüstungsgüter möglichst unangreifbar hergestellt werden. Hinter diesem scheinbar technischen Konzept stand jedoch ein umfassendes System aus staatlicher Lenkung, industriellen Interessen, SS-Terror und Zwangsarbeit.
Die Untertageverlagerungen waren deshalb nicht nur Bau- und Rüstungsprojekte. Sie gehörten zugleich zur Endphase des nationalsozialistischen Lagersystems. Zehntausende KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter mussten unter lebensgefährlichen Bedingungen Stollen erweitern, Maschinen aufstellen und Rüstungsgüter herstellen. Viele Projekte wurden trotz dieses enormen Einsatzes nie fertiggestellt. Ihr bedeutendstes Ergebnis war daher häufig nicht eine dauerhafte Steigerung der Rüstungsproduktion, sondern die massenhafte Vernichtung menschlichen Lebens.
1. Die militärische Ausgangslage
Zu Beginn des Krieges befanden sich die meisten deutschen Rüstungsbetriebe in gewöhnlichen Industrieanlagen. Große Fabriken lagen beispielsweise im Ruhrgebiet, in Berlin, Hamburg, Bremen, München, Schweinfurt und anderen Industriezentren. Diese Werke waren leistungsfähig, aber auch aus der Luft gut zu erkennen und anzugreifen.
In den ersten Kriegsjahren war das Deutsche Reich noch nicht in einem Ausmaß von Luftangriffen betroffen, das eine umfassende Verlagerung der Industrie notwendig erscheinen ließ. Dies änderte sich schrittweise:
- Großbritannien setzte den Luftkrieg auch nach der Niederlage Frankreichs fort.
- Ab 1942 beteiligten sich die Vereinigten Staaten mit immer stärkeren Luftstreitkräften am strategischen Bombenkrieg.
- Britische Bomber griffen überwiegend nachts an, amerikanische Verbände häufig am Tag.
- Seit 1943 wurden Rüstungszentren, Verkehrsanlagen, Raffinerien und einzelne Schlüsselindustrien systematisch bombardiert.
- Die deutsche Luftwaffe verlor zunehmend die Fähigkeit, den Luftraum über dem Reich wirksam zu verteidigen.
Von besonderer Bedeutung waren Angriffe auf Betriebe, die schwer ersetzbare Erzeugnisse herstellten. Dazu gehörten unter anderem Kugellager, Flugmotoren, Treibstoffe und Flugzeuge. Selbst wenn die Produktionsanlagen nicht vollständig zerstört wurden, konnten beschädigte Stromleitungen, Bahnhöfe, Brücken und Verkehrswege die Fertigung unterbrechen.
Die nationalsozialistische Führung erkannte, dass die Konzentration der Rüstungsindustrie in großen Fabriken zu einem strategischen Risiko geworden war. Sie reagierte mit drei miteinander verbundenen Maßnahmen:
- Dezentralisierung: Große Produktionsabläufe wurden auf mehrere kleinere Standorte verteilt.
- Verlagerung: Maschinen und Fertigungsschritte wurden aus gefährdeten Städten in abgelegenere Regionen gebracht.
- Verbunkerung: Besonders wichtige Produktionsbereiche sollten durch massive Bauwerke oder natürliche Gesteinsschichten geschützt werden.
Die Untertageverlagerung war die radikalste Form dieser Maßnahmen.
2. Der unmittelbare Auslöser von 1943
Ein entscheidender Einschnitt war der alliierte Luftangriff auf die Heeresversuchsanstalt Peenemünde in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943. Dort wurden die als Vergeltungswaffen bezeichneten Raketen und Flugkörper entwickelt. Nach dem Angriff ordnete die NS-Führung an, wesentliche Teile der Raketenproduktion an einen geschützten Ort zu verlegen.
Als Standort wurde ein bereits bestehendes Stollensystem im Kohnstein bei Nordhausen ausgewählt. Die Stollen waren ursprünglich unter anderem als unterirdisches Treibstofflager ausgebaut worden. Nun entstand dort das sogenannte Mittelwerk, in dem vor allem die ballistische Rakete A4, später propagandistisch als V2 bezeichnet, montiert werden sollte.
Für den Ausbau wurde Ende August 1943 das zunächst zum KZ Buchenwald gehörende Außenlager Dora eingerichtet. Die Häftlinge mussten anfangs nicht nur im Stollen arbeiten, sondern dort auch schlafen. Es fehlte an ausreichender Belüftung, Hygiene, Wasser, Heizung und medizinischer Versorgung. Zwischen September 1943 und März 1944 starben allein in den unterirdischen Bereichen mehr als 3.000 Menschen.
3. Der Sinn der Untertageverlagerungen
Der Begriff Sinn muss in diesem Zusammenhang auf zwei Ebenen betrachtet werden: als damaliges militärisch-wirtschaftliches Ziel und als heutige historische Bewertung.
3.1 Schutz vor Luftangriffen
Der wichtigste Zweck war der passive Luftschutz. Eine ausreichend mächtige Gesteinsschicht konnte selbst schweren Bomben widerstehen. Unterirdische Räume boten deshalb einen Schutz, den normale Fabrikhallen nicht gewährleisten konnten.
Besonders geeignet erschienen:
- stillgelegte Bergwerke,
- Steinbrüche mit vorhandenen Stollen,
- Salz- und Kalibergwerke,
- Gips- und Erzgruben,
- natürliche Höhlen,
- nicht genutzte Eisenbahn- und Straßentunnel,
- neu in Berge getriebene Stollensysteme,
- große Bunker mit starken Betondecken.
Der Schutz war allerdings nur dann wirksam, wenn auch die Eingänge, Stromversorgung, Wasserzufuhr, Lüftung und Verkehrsanbindung funktionierten. Selbst eine unbeschädigte unterirdische Fabrik konnte ausfallen, wenn Bomben die Gleise, Straßen oder Versorgungsleitungen außerhalb der Anlage zerstörten.
3.2 Sicherung wichtiger Rüstungszweige
Unter die Erde verlegt werden sollten vor allem Produktionsbereiche, die als besonders kriegsentscheidend galten. Dazu gehörten:
- Flugzeug- und Flugmotorenproduktion,
- Montage von Raketen und Marschflugkörpern,
- Herstellung von Kugellagern,
- Produktion optischer und elektronischer Geräte,
- Fertigung von Funk- und Radarröhren,
- Herstellung von Treibstoffen und Schmierölen,
- Produktion von Panzer- und Fahrzeugteilen,
- Lagerung von Treibstoffen, Munition und Rohstoffen.
Die Auswahl folgte nicht immer einem klaren Gesamtplan. Unterschiedliche Behörden, Unternehmen und militärische Stellen konkurrierten um Arbeitskräfte, Baumaterialien, Transportkapazitäten und geeignete Räume. Dadurch entstanden Überschneidungen, widersprüchliche Prioritäten und eine Vielzahl von Projekten, die nie über das Planungs- oder Baustadium hinauskamen.
3.3 Dezentralisierung der Produktion
Die Untertageverlagerung war Teil einer breiteren Aufspaltung industrieller Produktionsketten. Ein Flugzeug musste beispielsweise nicht vollständig in einem einzigen Werk hergestellt werden. Einzelne Unternehmen oder Außenstellen konnten Tragflächen, Rümpfe, Motoren und Instrumente getrennt fertigen. Die Endmontage erfolgte an einem anderen Ort.
Diese Dezentralisierung erschwerte es den Alliierten, mit einem einzigen Angriff die gesamte Produktion eines Waffensystems auszuschalten. Sie führte jedoch zu neuen Problemen:
- längere Transportwege,
- Abhängigkeit von der Eisenbahn,
- schwierige Qualitätskontrolle,
- unübersichtliche Zuständigkeiten,
- Verzögerungen bei der Materialzufuhr,
- zusätzlicher Bedarf an Lagern und Zwischenprodukten.
Die Verlagerung löste also ein Problem, erzeugte aber mehrere neue.
3.4 Fortsetzung des Krieges
Auf einer grundsätzlicheren Ebene sollten die Untertageprojekte die Fortsetzung eines bereits weitgehend verlorenen Krieges ermöglichen. Seit 1943 verschlechterte sich die militärische Lage Deutschlands stetig. Die Wehrmacht war in Stalingrad geschlagen worden, die Alliierten waren in Italien gelandet, und die Sowjetunion drängte die deutschen Truppen im Osten zurück.
Anstatt den Krieg zu beenden, mobilisierte das Regime weitere Ressourcen. Die Untertageverlagerungen gehörten damit zur Politik des sogenannten totalen Krieges. Sie sollten die Auswirkungen der alliierten Überlegenheit abmildern und Zeit gewinnen. Gleichzeitig nährten neue Waffen wie die V2 die propagandistische Hoffnung, der Kriegsverlauf könne doch noch gewendet werden.
Diese Hoffnung war militärisch kaum realistisch. Die Projekte dienten daher auch dazu, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und die Illusion eines möglichen „Endsieges“ aufrechtzuerhalten.
4. Organisation und beteiligte Institutionen
Die Untertageverlagerungen waren kein einheitliches Programm unter einer einzigen Leitung. Mehrere Institutionen waren beteiligt.
4.1 Das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion
Das von Albert Speer geleitete Rüstungsministerium koordinierte große Teile der deutschen Kriegswirtschaft. Es setzte Produktionsziele fest, entschied über Prioritäten und arbeitete eng mit Industrieunternehmen zusammen.
Speers Ministerium versuchte, die Rüstungsproduktion trotz Rohstoffmangel, Bombenschäden und Arbeitskräftemangel zu steigern. Die Untertageverlagerungen wurden dabei als technische Lösung für die wachsende Bedrohung aus der Luft angesehen. Die Organisation blieb jedoch aufgrund konkurrierender Stellen und der chaotischen Kriegslage unübersichtlich.
4.2 Der Jägerstab
Im März 1944 wurde der Jägerstab gegründet. Seine Aufgabe bestand darin, die Produktion von Jagdflugzeugen rasch zu erhöhen. Damit sollte der alliierte Bombenkrieg abgewehrt werden.
Der Jägerstab vereinte Vertreter des Rüstungsministeriums, des Luftfahrtministeriums, der Industrie und der SS. Er erhielt weitreichende Vollmachten und trieb insbesondere die Verlagerung der Flugzeugindustrie in geschützte Anlagen voran. Unter hohem Zeitdruck wurden bestehende Stollen beschlagnahmt, neue Anlagen geplant und KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte angefordert.
Die Konzentration auf Jagdflugzeuge konnte einzelne Produktionszahlen erhöhen. Der strategische Nutzen blieb dennoch begrenzt, weil es zunehmend an Treibstoff, ausgebildeten Piloten, Ersatzteilen und sicheren Flugplätzen mangelte.
4.3 Der Geilenbergstab
Nach den schweren alliierten Angriffen auf die deutsche Treibstoffindustrie im Frühjahr und Sommer 1944 wurde unter Edmund Geilenberg ein weiteres Sonderprogramm organisiert. Der sogenannte Geilenbergstab beziehungsweise das Mineralölsicherungsprogramm sollte zerstörte Raffinerien ersetzen, reparieren oder durch kleinere, geschützte Anlagen ergänzen.
Auch dabei wurden unterirdische Raffinerien und Treibstoffanlagen geplant. Viele erhielten Tarnbezeichnungen wie Dachs mit einer Projektnummer. Die Treibstoffversorgung war für Deutschland besonders kritisch, da die Wehrmacht, Luftwaffe und Rüstungsindustrie ohne Benzin, Diesel und Schmierstoffe nicht einsatzfähig waren.
Die meisten Vorhaben kamen jedoch zu spät. Der Bau einer Raffinerie unter Tage war technisch anspruchsvoll. Rohrleitungen, Kessel, Lüftungsanlagen und Sicherheitssysteme mussten installiert werden, während die Verkehrswege bereits unter ständigem Beschuss lagen.
4.4 Organisation Todt
Die Organisation Todt, kurz OT, war eine paramilitärisch organisierte Bauorganisation. Sie hatte zuvor Autobahnen, den Westwall und militärische Anlagen in besetzten Gebieten errichtet. In der zweiten Kriegshälfte spielte sie eine wichtige Rolle beim Bau von Bunkern und unterirdischen Produktionsanlagen.
Die OT beschäftigte reguläre Arbeiter, Dienstverpflichtete, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. In der Endphase des Krieges war sie eng mit dem SS- und KZ-System verflochten.
4.5 SS-Wirtschaftsverwaltung und Hans Kammler
Eine zentrale Rolle spielte die SS. Über ihr Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt stellte sie KZ-Häftlinge gegen Bezahlung als Arbeitskräfte bereit. SS-General Hans Kammler, Leiter des für Bauaufgaben zuständigen Amtes C, war an zahlreichen unterirdischen Großprojekten beteiligt.
Die Kooperation zwischen Industrie, Rüstungsministerium und SS verband wirtschaftliche Produktion mit staatlich organisiertem Terror. Unternehmen profitierten von extrem billigen Arbeitskräften, während die SS die Gefangenen kontrollierte und ihre Arbeitskraft ausbeutete.
5. Planung und Bau einer Untertageanlage
Der Aufbau einer unterirdischen Fabrik war erheblich komplizierter, als Maschinen lediglich in einen vorhandenen Tunnel zu stellen.
5.1 Auswahl des Standortes
Ein geeigneter Standort musste mehrere Anforderungen erfüllen:
- ausreichende Gesteinsstabilität,
- große oder erweiterbare Hohlräume,
- Bahn- oder Straßenanschluss,
- Strom- und Wasserversorgung,
- Platz für Lager und Baracken,
- Entfernung zu bekannten Bombenzielen,
- Möglichkeiten zur Tarnung.
Vorhandene Bergwerke waren besonders begehrt, weil dort bereits Stollen, Schächte und teilweise Gleise existierten. Dennoch waren viele Gruben für eine industrielle Fertigung ungeeignet. Decken mussten gesichert, Böden eingeebnet, Wasser abgepumpt und Lüftungsanlagen eingebaut werden.
5.2 Ausbau
Die Bauarbeiten umfassten typischerweise:
- Sprengung und Erweiterung der Stollen,
- Abtransport des Gesteins,
- Sicherung von Decken und Wänden,
- Betonierung von Böden und Produktionsflächen,
- Einbau von Gleisen, Stromleitungen und Beleuchtung,
- Installation von Belüftungs- und Entwässerungsanlagen,
- Transport und Aufstellung schwerer Maschinen,
- Errichtung von Lagern und Unterkünften,
- Tarnung der Zugänge und Außenanlagen.
Diese Arbeiten fanden unter starkem Zeitdruck statt. Häufig wurde gleichzeitig gebaut und produziert. Sprengungen, Staub, Maschinenlärm und mangelhafte Belüftung machten die Anlagen sowohl für die Gefangenen als auch für die Produktion gefährlich.
5.3 Tarnnamen und Geheimhaltung
Viele Anlagen erhielten Tarnnamen. Häufig wurden Tierarten, Pflanzen, geographische Begriffe oder neutrale Decknamen verwendet. Die Tarnung sollte die Funktion der Anlagen verschleiern.
Allerdings war die Geheimhaltung nicht immer erfolgreich. Die Alliierten sammelten Informationen aus Luftbildern, Funkaufklärung, Widerstandsnetzwerken, Aussagen von Kriegsgefangenen und Berichten geflohener Zwangsarbeiter. Außerdem konnten neue Gleise, Barackenlager und große Baustellen aus der Luft auffallen, selbst wenn die eigentliche Fabrik unter der Erde lag.
6. Zwangsarbeit als Grundlage der Projekte
Die Untertageverlagerungen sind nicht ohne das nationalsozialistische System der Zwangsarbeit zu verstehen. Deutschland litt spätestens seit 1942 unter einem erheblichen Arbeitskräftemangel. Millionen deutsche Männer dienten in der Wehrmacht, während die Rüstungsindustrie immer mehr Arbeiter benötigte.
Das Regime reagierte durch den massenhaften Einsatz von:
- zivilen Zwangsarbeitern aus besetzten Ländern,
- Kriegsgefangenen,
- KZ-Häftlingen,
- jüdischen Gefangenen,
- Strafgefangenen,
- italienischen Militärinternierten,
- zur Arbeit verschleppten Frauen und Männern.
6.1 Ausweitung des KZ-Außenlagersystems
Seit 1943 wuchs die Zahl der KZ-Außenlager stark an. Ende 1943 existierten etwa 260, im Juli 1944 fast 600 und im Januar 1945 mehr als 730 solcher Lager. Viele befanden sich in unmittelbarer Nähe von Rüstungsbetrieben und Baustellen.
Diese Entwicklung veränderte die Geographie des KZ-Systems. Konzentrationslager lagen nicht mehr nur an wenigen großen, abgelegenen Orten. Außenlager entstanden in Städten, Dörfern, Fabriken, Steinbrüchen und Bergwerken. Damit wurde das System für einen erheblichen Teil der deutschen Bevölkerung sichtbar.
6.2 Arbeits- und Lebensbedingungen
Die Bedingungen unterschieden sich von Ort zu Ort, waren aber besonders auf den Baustellen häufig tödlich. Typische Belastungen waren:
- zwölfstündige Schichten,
- schwerste körperliche Arbeit,
- Staub und Sprenggase,
- Nässe und Kälte,
- fehlendes Tageslicht,
- mangelnde Schutzkleidung,
- Unterernährung,
- Gewalt durch SS-Wachen und Kapos,
- unzureichende medizinische Versorgung,
- überfüllte und unhygienische Unterkünfte.
Die Baukommandos waren oft gefährlicher als die spätere Produktion. Für qualifizierte Tätigkeiten benötigten die Unternehmen eingearbeitete Arbeitskräfte. Beim Stollenvortrieb dagegen behandelte die SS die Gefangenen als nahezu beliebig ersetzbar. Ihr Tod wurde nicht nur in Kauf genommen, sondern war struktureller Bestandteil des Systems.
Ende 1944 arbeiteten nach Angaben des GedenkstättenForums mehr als 240.000 KZ-Häftlinge auf unter- und oberirdischen Baustellen von SS und Organisation Todt. Eine ungefähr ebenso große Zahl wurde zu diesem Zeitpunkt in Rüstungsbetrieben eingesetzt. Diese Gesamtzahlen beziehen sich allerdings nicht ausschließlich auf Untertageprojekte.
6.3 Verantwortung der Unternehmen
Das Mittelwerk im Kohnstein ist das bekannteste Beispiel einer Untertageverlagerung. Es zeigt sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen solcher Projekte.
Nach dem Angriff auf Peenemünde wurde die Montage der A4-Rakete in die vorhandenen Stollen verlegt. Die Anlage bestand aus langen Hauptstollen und zahlreichen Querkammern. Dort wurden Produktionslinien, Lager und technische Einrichtungen eingebaut.
Die Häftlinge mussten zunächst unter katastrophalen Bedingungen innerhalb des Berges leben. Es gab kaum sanitäre Einrichtungen, die Luft war feucht und staubig, und Sprengungen wurden auch während der Ruhezeiten fortgesetzt. Später entstand außerhalb der Stollen ein Barackenlager, doch die Bedingungen blieben brutal.
Aus dem Außenlager Dora entwickelte sich das selbstständige KZ Mittelbau mit einem Netz von etwa 40 Außenlagern im Harz. Insgesamt mussten dort zwischen 1943 und 1945 mehr als 60.000 Menschen Zwangsarbeit leisten; etwa jeder Dritte überlebte das Lagersystem nicht.
Im Mittelwerk wurden tatsächlich Raketen produziert. Das Projekt war also weiter fortgeschritten als viele andere Untertageverlagerungen. Trotzdem blieben erhebliche Schwierigkeiten:
- Baumaßnahmen und Produktion behinderten sich gegenseitig.
- Es gab Qualitätsprobleme.
- Bauteile und Rohstoffe mussten weiterhin von außen geliefert werden.
- Facharbeit ließ sich nicht beliebig durch Gewalt erzwingen.
- Die Raketen waren teuer und militärisch vergleichsweise ineffizient.
- Der Raketenbeschuss konnte den Kriegsverlauf nicht entscheidend beeinflussen.
Das Beispiel zeigt, dass eine technisch anspruchsvolle Produktion qualifizierte, motivierte und gut versorgte Arbeitskräfte benötigt. Das auf Gewalt, Hunger und Austauschbarkeit beruhende System der KZ-Zwangsarbeit stand diesen Voraussetzungen grundsätzlich entgegen.
8. Untertageanlagen an der Porta Westfalica
Ein weiteres Beispiel sind die Anlagen an der Porta Westfalica. Dort wurden vorhandene Sandstein- und Eisenerzstollen für verschiedene Rüstungsprojekte genutzt. Im März 1944 beschloss der Jägerstab, Teile der Produktion des Unternehmens Ambi-Budd aus Berlin in das Stollensystem des Jakobsbergs zu verlegen.
Zu den bekanntesten Projekten gehörten:
| Tarnname | Vorgesehene Funktion |
|---|---|
| Dachs 1 | Unterirdische Schmierölraffinerie |
| Stör 1 | Rüstungsproduktion, unter anderem technische Komponenten |
| Stör 2 | Weitere unterirdische Produktionsflächen |
| Elritze | Mehrere Projekte in vorhandenen Grubenanlagen |
Für die Arbeiten wurden Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. In den drei Lagern an der Porta Westfalica waren 1944 und 1945 etwa 3.000 Menschen unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert.
Einige Produktionsanlagen nahmen vor Kriegsende den Betrieb auf, andere blieben unvollendet. Die Lager wurden Anfang April 1945 geräumt, als alliierte Truppen vorrückten.
Das Beispiel verdeutlicht die Vielfalt der Untertageprojekte. Nicht jede Anlage diente der Herstellung spektakulärer „Wunderwaffen“. Häufig ging es um weniger auffällige, aber wichtige Produkte wie Schmierstoffe, Flugzeugteile, Kommunikationsgeräte oder Elektronenröhren.
9. Weitere bedeutende Projekte
Neben Mittelwerk und Porta Westfalica entstanden zahlreiche weitere Anlagen. Ihre Größe und ihr Fertigstellungsgrad unterschieden sich stark.
9.1 Weingut II und der Kaufering-Komplex
Bei Landsberg am Lech sollte unter der Bezeichnung Weingut II ein gewaltiger halb unterirdischer Bunker entstehen. Vorgesehen war die Produktion des Düsenjägers Messerschmitt Me 262.
Für den Bau wurden überwiegend jüdische KZ-Häftlinge aus dem Lagerkomplex Kaufering eingesetzt. Sie mussten Betonarbeiten und andere schwere Tätigkeiten verrichten. Die Lebensbedingungen waren katastrophal. Ein erheblicher Teil der Gefangenen starb an Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und den Folgen der Arbeit.
Der Bunker wurde bis Kriegsende nicht als vollständige Serienfabrik in Betrieb genommen. Das Projekt verschlang enorme Mengen an Beton, Stahl, Transportkapazität und Arbeitskraft, ohne den erhofften militärischen Nutzen zu erreichen.
9.2 B8 Bergkristall
In St. Georgen an der Gusen in Österreich entstand mit Bergkristall eine große unterirdische Fabrik für die Fertigung von Flugzeugteilen, insbesondere für die Me 262. KZ-Häftlinge aus dem Lagerkomplex Mauthausen-Gusen mussten die Stollen ausbauen und in der Produktion arbeiten.
Bergkristall gehörte zu den weiter fortgeschrittenen Untertageanlagen. Dennoch konnte auch dieses Werk die strukturellen Probleme der deutschen Luftwaffe nicht lösen.
9.3 Ebensee
Im österreichischen Ebensee wurden unter verschiedenen Tarnnamen große Stollenanlagen angelegt. Vorgesehen waren unter anderem Rüstungs- und Treibstoffproduktionen. Die Häftlinge des dortigen KZ-Außenlagers mussten die Stollen unter mörderischen Bedingungen in den Berg treiben.
Viele geplante Produktionsbereiche wurden nicht oder nur teilweise fertiggestellt. Wie bei zahlreichen anderen Standorten stand der menschliche Preis in keinem Verhältnis zum tatsächlichen militärischen Ergebnis.
9.4 Projekt Riese
Das sogenannte Projekt Riese im schlesischen Eulengebirge umfasste mehrere unterirdische Komplexe sowie Ausbauarbeiten am Schloss Fürstenstein. Der genaue endgültige Zweck ist aufgrund fehlender Unterlagen nicht vollständig geklärt. Vermutlich waren unterschiedliche militärische und führungsbezogene Funktionen vorgesehen.
Auch dort wurden KZ-Häftlinge und andere Zwangsarbeiter eingesetzt. Das Projekt blieb unvollendet. Gerade wegen der ungeklärten Funktionen entstanden nach dem Krieg zahlreiche Legenden über Geheimwaffen und verborgene Schätze. Historisch gesichert sind dagegen die umfangreichen Bauarbeiten und das Leiden der Zwangsarbeiter.
10. Das Problem des Begriffs „Wunderwaffen“
Untertageanlagen werden in populären Darstellungen oft mit geheimnisvollen „Wunderwaffen“ verbunden. Diese Sichtweise ist problematisch.
Zwar dienten einige Anlagen tatsächlich der Produktion technisch fortschrittlicher Waffen, etwa:
- A4/V2-Raketen,
- Fi 103/V1-Flugkörper,
- Düsenflugzeuge wie die Me 262,
- moderne Funk-, Radar- und Steuerungstechnik.
Doch die technische Neuartigkeit bedeutete nicht automatisch militärische Wirksamkeit. Viele Waffen waren teuer, unausgereift, störanfällig oder nur in geringen Stückzahlen verfügbar. Die V2 konnte beispielsweise nicht präzise gesteuert werden und hatte gemessen an ihrem Aufwand eine begrenzte militärische Wirkung. Ihr Einsatz richtete sich vor allem gegen Städte und die Zivilbevölkerung.
Der Begriff „Wunderwaffe“ stammt wesentlich aus der NS-Propaganda. Er sollte Hoffnung erzeugen und von der tatsächlichen militärischen Lage ablenken. Eine unkritische Verwendung kann diesen propagandistischen Blick fortsetzen und zugleich die Opfer der Herstellung aus dem Blick verdrängen.
Historisch angemessener ist es, Technikgeschichte, militärische Wirkung und Zwangsarbeit gemeinsam zu untersuchen.
11. Waren Untertageverlagerungen erfolgreich ?
Eine eindeutige Antwort ist nur möglich, wenn verschiedene Ebenen unterschieden werden.
11.1 Begrenzter technischer Erfolg
Unterirdische Produktionsstätten waren gegen direkte Luftangriffe tatsächlich besser geschützt als oberirdische Fabriken. Einige Anlagen, insbesondere das Mittelwerk und Bergkristall, erreichten eine nennenswerte Produktion. Bestimmte Fertigungsprozesse konnten dadurch fortgeführt werden.
Auch die Dezentralisierung erschwerte es den Alliierten, einzelne Rüstungssparten durch wenige Angriffe vollständig auszuschalten.
11.2 Enorme Baukosten
Der Ausbau erforderte:
- riesige Mengen an Beton und Stahl,
- Sprengstoff und Bergbaugeräte,
- Lokomotiven und Schienen,
- Fachingenieure und Bauarbeiter,
- elektrische Anlagen und Lüftungssysteme,
- zusätzliche Transporte.
Diese Ressourcen fehlten an anderer Stelle. Zahlreiche Projekte konkurrierten miteinander, obwohl absehbar war, dass viele nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnten.
11.3 Zu später Beginn
Die massenhafte Untertageverlagerung setzte erst ein, als sich die Niederlage bereits deutlich abzeichnete. Vom Frühjahr 1944 bis zum Kriegsende blieb nur etwa ein Jahr. In dieser Zeit sollte eine große Zahl technisch anspruchsvoller Fabriken geplant, gebaut und eingerichtet werden.
Viele Anlagen befanden sich bei Kriegsende noch im Rohbau. Einige hatten Maschinen erhalten, aber keine Serienproduktion aufgenommen. Andere produzierten nur wenige Wochen oder Monate.
11.4 Abhängigkeit von oberirdischen Strukturen
Unterirdische Fabriken waren keine selbstständigen Systeme. Sie benötigten:
- Rohstoffe und Bauteile,
- Strom und Wasser,
- Verkehrswege,
- Lagerflächen,
- Arbeiterunterkünfte,
- Reparaturbetriebe,
- Kommunikationseinrichtungen.
Die Alliierten konnten daher Bahnhöfe, Brücken, Stromnetze und Treibstoffanlagen angreifen. Eine Fabrik im Berg blieb geschützt, konnte aber mangels Material oder Energie stillstehen.
11.5 Arbeitskräftemangel und Produktionsprobleme
Zwangsarbeit konnte fehlende Fachkräfte nicht vollständig ersetzen. Moderne Raketen, Flugzeuge und Motoren verlangten Präzision, Erfahrung und Qualitätskontrolle. Hungernde und misshandelte Gefangene konnten diese Anforderungen nur eingeschränkt erfüllen.
Darüber hinaus führten Kälte, Feuchtigkeit und Staub zu technischen Problemen. Maschinen rosteten, Messinstrumente reagierten empfindlich, und Bauteile konnten beschädigt werden.
11.6 Gesamturteil
Als kurzfristige Schutzmaßnahme konnten einzelne Untertageverlagerungen funktionieren. Als umfassende Strategie zur Rettung der deutschen Kriegswirtschaft scheiterten sie jedoch.
Sie konnten weder die alliierte Luftüberlegenheit beseitigen noch den Zusammenbruch der Verkehrs- und Treibstoffversorgung verhindern. Vor allem konnten sie die grundlegende materielle Überlegenheit der Alliierten nicht ausgleichen.
Der Aufwand stand bei vielen Projekten in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis. Das gilt umso mehr, wenn die menschlichen Opfer berücksichtigt werden.
12. Historische und moralische Bewertung
Die Untertageverlagerungen zeigen besonders deutlich, wie moderne Technik, industrielle Organisation und nationalsozialistische Gewalt miteinander verbunden waren.
12.1 Keine rein technischen Anlagen
Stollen, Maschinen und Baupläne dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Hinter ihnen standen Menschen, die unter Zwang arbeiteten. Die Anlagen waren Teil eines Systems, in dem menschliches Leben nach rassistischen, politischen und wirtschaftlichen Kriterien bewertet wurde.
Der Tod von Häftlingen war kein unvorhersehbarer Betriebsunfall. Unterernährung, fehlende medizinische Versorgung, Gewalt und übermäßige Arbeitsbelastung waren bekannt. Die Verantwortlichen setzten die Arbeiten trotzdem fort.
12.2 Verbindung von Staat, SS und Wirtschaft
Die Projekte widerlegen die Vorstellung, nationalsozialistische Verbrechen seien ausschließlich von der SS begangen worden. An ihrer Durchführung waren beteiligt:
- Ministerien,
- Wehrmacht und Luftwaffe,
- SS-Dienststellen,
- Organisation Todt,
- kommunale Behörden,
- Bahn- und Versorgungsunternehmen,
- private Industriebetriebe,
- Ingenieure und Bauleitungen.
Die Verantwortung war auf viele Institutionen verteilt, verschwand dadurch aber nicht.
12.3 Nähe zur Zivilbevölkerung
Viele Außenlager und Baustellen lagen unmittelbar neben Dörfern und Städten. Gefangene wurden auf Straßen und Bahnhöfen gesehen. Transporte, Bewachung und der Bau von Baracken waren oft nicht zu übersehen.
Nach 1945 wurde dennoch vielerorts behauptet, man habe nichts gewusst. Die Forschung zeigt ein differenzierteres Bild: Nicht jeder kannte alle Einzelheiten, doch die Anwesenheit ausgezehrter Gefangener und die Existenz zahlreicher Lager waren in vielen Regionen sichtbar.
12.4 Erinnerung statt Faszination
Unterirdische Anlagen üben bis heute eine starke Faszination aus. Geheimhaltung, Tarnnamen, verschlossene Stollen und unvollständige Dokumente begünstigen Spekulationen. Das kann jedoch dazu führen, dass vermeintliche Geheimwaffen oder Schatzlegenden wichtiger erscheinen als die Geschichte der Opfer.
Gedenkstätten versuchen deshalb, die Anlagen nicht nur als technische Bauwerke zu zeigen. Im Mittelpunkt stehen:
- die Lebensgeschichten der Häftlinge,
- die Bedingungen der Zwangsarbeit,
- die Verantwortlichen,
- die Einbindung der Unternehmen,
- der Umgang mit den Orten nach 1945.
Die Stollen sind somit keine neutralen Abenteuerorte, sondern Tatorte und historische Quellen.
13. Umgang mit den Anlagen nach 1945
Nach Kriegsende wurden die Anlagen unterschiedlich behandelt. Die Alliierten untersuchten die Technik, beschlagnahmten Unterlagen und demontierten Maschinen. Fachleute, die zuvor für das NS-Regime gearbeitet hatten, wurden sowohl von den USA als auch von der Sowjetunion angeworben.
Einige Stollen wurden gesprengt oder verschlossen. Andere dienten später als Lager, Depots, Bergwerke oder militärische Einrichtungen. Wieder andere verfielen. Mancherorts wurden Spuren der Lager beseitigt oder überbaut.
Die öffentliche Erinnerung setzte oft erst Jahrzehnte später ein. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren entstanden an vielen Orten Initiativen, Dokumentationszentren und Gedenkstätten. Dabei verschob sich die Perspektive zunehmend von Technik und Waffen auf die Opfer der Zwangsarbeit.
Bei der Porta Westfalica dauerte es Jahrzehnte, bis die Lagergeschichte intensiver untersucht wurde. Lange wurden Berichte über Zwangsarbeit und Misshandlungen von Mythen über angebliche Geheimanlagen überlagert.
Schlussfolgerung
Die Untertageverlagerungen entstanden als Reaktion auf die wachsende alliierte Luftüberlegenheit und die zunehmende Verwundbarkeit der deutschen Rüstungsindustrie. Ihr militärischer Zweck bestand darin, besonders wichtige Produktionsbereiche vor Bombenangriffen zu schützen, die Fertigung zu dezentralisieren und den Krieg trotz der sich abzeichnenden Niederlage fortzusetzen.
Einzelne Anlagen erfüllten diesen Zweck teilweise. Unterirdische Produktionsräume waren schwerer zu zerstören, und in einigen Werken wurden tatsächlich Raketen, Flugzeugteile oder andere Rüstungsgüter hergestellt. In ihrer Gesamtheit waren die Projekte jedoch von Überplanung, konkurrierenden Zuständigkeiten, Materialmangel und unrealistischen Zeitvorgaben geprägt. Viele wurden nicht fertiggestellt oder nahmen die Produktion erst kurz vor Kriegsende auf.
Ihr eigentliches historisches Gewicht liegt deshalb weniger in ihrer militärischen Leistung als in ihrer Verbindung mit dem nationalsozialistischen Zwangsarbeits- und KZ-System. Der Versuch, die deutsche Rüstung unter die Erde zu verlegen, wurde durch die Ausbeutung von Menschen ermöglicht, deren Gesundheit und Leben für das Regime als entbehrlich galten.
Die Untertageverlagerungen waren somit Ausdruck der letzten, besonders radikalen Phase der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft: technisch ehrgeizig, strategisch verzweifelt, wirtschaftlich vielfach ineffizient und menschlich verheerend. Ihre Geschichte zeigt, dass technische Modernität und organisatorische Leistungsfähigkeit keineswegs moralischen Fortschritt bedeuten. Unter den Bedingungen einer verbrecherischen Diktatur konnten sie vielmehr zu Instrumenten systematischer Ausbeutung und Vernichtung werden.
